Am 12. Juni 2024 folgte ich der Einladung der Bibliothek des Konservatismus in Berlin, mein Buch „Linke Intellektuelle im Dienst des Totalitarismus“ vorzustellen. Nach meinem 60-minütigen Vortrag beantwortete ich eine Stunde lang Fragen aus dem Publikum zu Themen aus meinem Buch und darüber hinaus.
Wie bereits in früheren Blog-Einträgen angekündigt, sammle ich in diesem Blog die im Internet verstreuten Podcasts, Veranstaltungen und Rezensionen zu meinem Buch. Deshalb verlinke ich hier die Video-Aufnahme des Vortrags in der Bibliothek des Konservatismus/Berlin. Wer den vollen Text meines Vortrags lesen möchte, findet ihn unter dem Video.
Text des Vortrags über das Buch „Linke Intellektelle im Dienst des Totalitarismus“
Das allgemeine Thema des Buches
In meinem Buch geht es im Großen und Ganzen um die Ideologie und die Strategie der totalitären Kräfte, die seit über 100 Jahren die Demokratie, die Freiheit und die Menschenwürde zerstören wollen.
Wer bin ich? Meine Kommunismus-Kompetenz
Aber bevor ich zum Inhalt des Buchs komme, möchte ich mich kurz vorstellen. Dabei werde ich wirklich mit dem Anfang beginnen:
Ich bin im Stadtbezirk Stalin von Bukarest geboren.
Und wenn meine Eltern zwei Kilometer weiter gewohnt hätten, wäre ich im anliegenden Bezirk Lenin geboren.
Sie sehen also, dass ich mich bereits seit meiner Geburt mit dem Kommunismus auskenne.
Aber Spass bei Seite!
Um dem so-genannten „realexistierenden“ Sozialismus zu entkommen, bin ich 1981 nach Deutschland ausgewandert.
Hier habe ich Orgel und Musikwissenschaft studiert.
Danach bin ich Komponist geworden.
Wie bin ich zum Thema des Buches gekommen?
Vielleicht stellen Sie sich die Frage, wie ich als Musiker und Komponist zum sehr politischen Thema meines Buches gekommen bin.
Um auf diese Frage zu antworten, werde ich einiges über meinen Werdegang erzählen:
Als Musikwissenschaftler habe ich mich hauptsächlich mit der so-genannten NEUEN MUSIK beschäftigt.
Die NEUE MUSIK ist das, was man nach 1950 in Musikerkreisen, die sich als avantgardistisch definierten, produziert hat.
Einige Stichworte zur Neuen Musik wären zum Beispiel:
atonale Musik,
serielle Musik,
aleatorische (also zufällige) Musik
oder elektronische Musik.
Nivellierung in der Utopie und Kunst
Ein Aspekt, der mir immer mehr auffiel, war,
dass viele dieser Kompositionen extrem ähnlich waren.
Aber auch in sich waren sie oft kontrastlos oder homogen.
Damit meine ich, dass deren Beginn, deren Mitte und deren Ende quasi gleich klangen.
Diese klanglich-strukturelle Homogenität der avantgardistischen Musik gab mir zu denken. Denn sie erinnerte mich an Gleichschaltung. — Und Gleichschaltung kannte ich doch aus dem Sozialismus !
Ich wusste, dass die Marxisten große Freunde der Nivellierung waren.
Und ich wusste, dass sie bestimmte Autoren der Renaissance und der Aufklärung, die Utopien verfasst hatten, als ihre Vorläufer betrachteten.
Das taten sie zu Recht, denn diese Utopisten — zum Beispiel Tommaso Campanella oder Thomas Morus — hatten absolut kollektivistische, totalitäre Gesellschaftsformen entworfen.
In den Utopien gab es keine Individuen, sondern nur einige wenige soziale Kategorien. Das Prinzip Gleichschaltung ist in der UTOPIE prioritär, weil das oberste Gebot — genau so wie im Sozialismus — die radikale Gleichheit ist.
Utopie plus Musikwissenschaft
Allmählich dämmerte es mir, dass nicht nur die soziale und die städtebauliche Nivellierung in der Utopie ideologisch begründet sind, sondern, dass auch die strukturelle und klangliche Homogenität bestimmter avantgardistischer Kompositionen ideologisch determiniert ist.
Das Resultat all dieser Forschung war meine Dissertation, (die ich an der Sorbonne in Paris verteidigt habe) und deren Untertitel lautet: „Homogene Räume in der Utopie und in der repetitiven Kunst“.
Mein rein wissenschaftliches Interesse wurde zu einem politischen Interesse
Zur Zeit meiner Dissertation verfolgte ich nur ein wissenschaftliches Ziel.
Mein Interesse war hauptsächlich akademisch:
Ich wollte Strukturen verstehen und so genau wie möglich analysieren und ich wollte deren philosophischen Hintergrund kennenlernen.
Aus diesem wissenschaftlichen Interesse entstanden ein musiktheoretisches Buch über den Komponisten György Ligeti, ein Artikel über ein Klavierstück des Komponisten Helmut Lachenmann, sowie einige noch nicht veröffentlichte Texte.
Aber danach wurde meine Perspektive immer politischer. Dafür gab es zwei Gründe:
• Der erste Grund war folgender:
2012 habe ich an einer Radiosendung mitgewirkt,
die zum 100-jährigen Geburtstag des avantgardistischen Komponisten John Cage vom Bayerischen Rundfunk produziert wurde.
Bei dieser Gelegenheit habe ich zum ersten mal einige Texte von Cage gelesen und erfuhr mit Erstaunen, dass er Jahrzehnte lang — und bis zum Lebensende — ein glühender Maoist war.
Ich erfuhr somit, dass er die demokratische Gesellschaftsordnung, die Freiheit und den allgemeinen Wohlstand radikal zerstören wollte.
Auch erfuhr ich, dass seine politische Einstellung — die eigentlich ungeheuerlich ist —niemanden interessierte — und dass niemand darüber sprach.
Das war für mich ein AHA-Erlebnis.
Aber nach dieser Radiosendung habe ich mich erstmal nicht mehr mit dem Thema John Cage beschäftigt.
• Der zweite Grund meiner Politisierung war die sogenannte Flüchtlingskrise ab 2015
Damals habe ich mich zunehmend gefragt, ob die linke politische Klasse, den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Justiz, die innere Sicherheit, die Wirtschaft des eigenen Landes nur aus Dummheit und Inkompetenz zerstört.
Oder war diese so planmäßige Zerstörung nicht doch das Resultat einer klaren Absicht?
Allmählich wurde mir klar, dass die Zerstörungswut der Linken eigentlich politisches Programm ist. Und ich verstand, dass dieses Programm ideologische Wurzeln hat.
Und obwohl ich vom sogenannten „Kulturkampf“ Antonio Gramscis noch keine Ahnung hatte, war mir klar, dass dieses linke Zerstörungs-Programm nicht nur auf wirtschaftlich-politischer Ebene, sondern auch auf kultureller Ebene ausgeführt wurde:
Nicht nur die Infrastruktur, das Rechtssystem, die Integrität und die Sicherheit des Staates sollten zerstört werden, sondern auch das, was man unter Kultur versteht, sollte verschwinden.
- Zum Kulturkampf gehörte die systematische Pervertierung des Unterrichts auf allen Niveaus — vom Kindergarten bis zur Uni.
- Dazu gehörte ebenfalls die Verunreinigung der Sprache durch massive Einführung absurder, sinnloser Begriffe.
Mir wurde klar, dass die Kunstavantgarde eben der Stoßtrupp des Kulturkampfes war
Diese Strategie war bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts vollständig ausgearbeitet und wurde durch die sogenannte Kunstavantgarde bereits nach dem Ersten Weltkrieg theoretisiert und praktiziert.
Nachdem ich das erkannt hatte, habe ich begonnen mich ernsthaft über das Programm der Kunstavantgarde zu informieren.
Ich fand heraus, dass sich der Tenor der Doktrin der Kunstavantgarde mit den Stichworten „ZERSTÖRUNG“ und „SUBVERSION“ zusammenfassen läßt.
Diese Ziele sollten laut den Theoretikern der Avantgarde angeblich im Namen einer sogenannten „Befreiung“ erfolgen.
Meine Forschung: Lachenmann, Cage, Avantgarde
Ein weiterer Schritt, der mich zum Thema meines Buches führte, war Folgendes:
2017 befasste ich mich wieder mit Helmut Lachenmann — einem einflußreichen Verfechter der „Verweigerungshaltung“ in der Kunst.
Ich las seine Texte, denn ich wollte diese angeblich so ethische und in Avantgardekreisen so beliebte „Ästhetik der Verweigerung“ wirklich verstehen.
Dabei wurden mir die Wurzeln dieser subversiven „Verweigerung“ bewußt.
Sie waren profund im Marxismus-Leninismus (Stichwort: Lukáks) und im Neomarxismus von Herbert Marcuse und der Frankfurter Schule verankert.
Somit habe ich eine gründliche ideengeschichtliche Recherche begonnen, um den Begriff Avantgarde genauer zu verstehen.
Diese Recherche offenbarte mir, dass der Begriff Avantgarde von der Leninistischen Ideologie untrennbar ist.
2018 habe ich John Cage, einen Hauptexponenten der Avantgarde, ebenfalls unter die Lupe genommen. Ich begann alles zu lesen, was er geschrieben hatte — inklusive seine unzähligen Interviews, soweit sie mir zugänglich waren.
Das Resultat dieser Forschungen ist das Buch, das ich Ihnen heute vorstelle.
Nun möchte ich den Aufbau meines Buchs kurz erläutern:
Das Buch
Mein Buch hat vier Teile:
- Im ersten Teil dokumentiere die Entwicklung des Begriffs „Avantgarde“, von Saint-Simon bis zu Lenin. Und ich zeige, dass die „Kunstavantgarde“ des 20. Jahrhunderts nichts anderes war, als der Stoßtrupp der leninistischen Revolution in den westlichen Ländern.
- Im zweiten Teil stelle ich die totalitäre Ideologie des Avantgardekünstlers Cage und seine revolutionäre Kampfstrategie vor.
Dabei lege ich den ideengeschichtlichen Hintergrund dieser Ideologie ausführlich dar. - Im dritten Teil zeige ich, auf welche Art und Weise sich diese Ideologie auf Cages ästhetische Theorie und seine Praxis der Kunstproduktion niedergeschlagen hat.
- Und im vierten Teil erkläre ich den psychologischen Mechanismus, der meiner Meinung nach zum destruktiven Nihilismus des Künstlers John Cage geführt hat.
„Eine kurze Geschichte der Avantgarde“ — Saint-Simon und die Kunstavantgarde
Und nun werde ich mich dem Inhalt des Buches zuwenden. Ich beginne mit dem ersten Teil und der Genese der Idee der Kunstavantgarde:
Der erste, der die Idee hatte, den Künstlern als kompakte Berufsgruppe eine leitende soziale Rolle anzuvertrauen, war der Früh-Sozialist Henri de Saint-Simon. In seinem Text L’artiste, le savant et l’industriel (Der Künstler, der Wissenschaftler und der Unternehmer) formulierte er 1824 — also genau vor 200 Jahren — seine Vorstellung einer idealen Zukunftsgesellschaft, in der die Masse des Volkes von einer kompetenten Elite geleitet werden sollte.
Diese Elite sollte laut Saint-Simon aus den drei Berufsgruppen bestehen, die im Titel seiner Schrift aufgezählt sind:
- Erstens intelligente Wissenschaftler,
- zweitens weitsichtige Industrielle — (eigentlich eine Mischung aus Unternehmern, Managern und Bürokraten)
- und drittens Künstler.
Die Leitung der Gesellschaft sollte zwar autoritär, aber gutmütig-paternalistisch sein.
Die Arbeiter sollten dazu gebracht werden, sich den Unternehmern bereitwillig zu fügen.
Und diejenigen, die die Arbeiter gefügig machen sollten, waren eben die Künstler,. Die Künstler sollten zu etwas gemacht werden, was heutzutage „Meinungsmacher“ oder „influencer“ genannt wird.
Gerade SIE, die Künstler, nannte Saint-Simon „Avantgarde“.
Die Künstler sollten mithilfe der Kunst die Erkenntnisse der Wissenschaftler und die weisen Entscheidungen der „Industriellen“ dem Volk vermitteln.
Die Rolle der Künstler bestand also eigentlich darin, Propaganda zu betreiben.
Saint-Simons Künstlerkollektiv hatte also in erster Linie einen Gruppenauftrag zu erfüllen.
Für Saint-Simon sollten die Künstler nicht unbedingt besonders begabt sein.
Sie brauchten sich auch nicht durch originelle künstlerische Leistungen auszeichnen.
So ist also zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Begriff der Kunst-Avantgarde entstanden.
Aus dem rein militärischen Begriff des 18. Jahrhunderts — der als Bezeichnung diente für den bewaffneten Stoßtrupp, der den ersten Blitzangriff gegen den Gegner unternimmt — wurde im 19. Jahrhundert ein sozusagen soziologischer Bergriff.
Lenin: Die Partei wird zur „Avantgarde des Proletariats“ und die Künstler zur Propagandisten der Partei
Aber das war nur der Beginn der Karriere dieses Begriffes.
Denn 100 Jahre nach Saint-Simon ersetzte Lenin die paternalistisch-friedlichen sozialen Ziele Saint-Simons durch Hauptelemente der Ideologie des Marxismus.
Aber Lenin hatte — im Gegensatz zu Marx — eingesehen, dass die Revolution NICHT die automatische Folge der sogenannten „objektiven gesellschaftlichen Bedingungen“ ist.
Lenin hatte verstanden, dass die Revolution unbedingt durch propagandistische Indoktrinierung vorbereitet werden musste und dass die Propaganda das A-und-O der Revolution ist.
Lenins Propagandisten waren einerseits reine Parteiaktivisten und andererseits Künstler und Intellektuelle, die alle obligatorisch in der Partei eingegliedert sein mußten.
Die Künstler und Intellektuellen sollten den „Arbeitern“ das richtige „Klassenbewusstsein“ einimpfen.
Dabei waren die Künstler für Lenin nichts anderes als die militärisch organisierten Propagandisten und getreue Diener der Partei-Ideologen.
Lenin befahl seiner Propaganda-Stoßtruppe, den Willen der Parteiführung durchzusetzen, ohne viel zu argumentieren:
„Die Avantgarde soll so handeln, dass alle übrigen Trupps gezwungen sind anzuerkennen, dass wir Kommunisten an der Spitze marschieren.
Die Zeitungen müssen Organe der Parteiorganisationen werden.
Die Literaten müssen unbedingt Parteiorganisationen angehören.
Verlage und Leseräume, Bibliotheken und Buchvertriebe – all dies muss der Partei unterstehen und rechenschaftspflichtig sein.“
Und auch für Lenins Meisterschüler, Antonio Gramsci, sollte die Kunst ausschließlich als Propagandamedium instrumentalisiert werden. Auch er verlangte imperativ von den Künstlern und Intellektuellen, sich als Propagandisten in den Dienst der Partei zu stellen.
Die Künstler der Avantgarde der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Auf den ersten Blick gibt es keine Gemeinsamkeit zwischen Lenins und Gramscis Parteiaktivisten im Sektor „Kultur“ und den westlichen Avantgardekünstlern, die doch den Ruf haben, absolute Individualisten, Freiheitsfanatiker und starke Persönlichkeiten zu sein, die sich keiner Autorität unterwerfen.
— Aber die Künstler der Avantgarde waren alles andere als freiheitsliebende Individualisten.
Schauen wir uns nun die Avantgardekünstler ab dem Ersten Weltkrieg genauer an:
Der Radikalismus der Avantgardekünstler nach dem Ersten Weltkrieg
Alle Künstlergruppierungen der Avantgarde um den Ersten Weltkrieg wollten die bürgerliche, demokratische Gesellschaftsordnung sprengen und durch eine kollektivistische ersetzen.
Nach 1916 bekannten sich immer mehr Künstler, die bis dahin noch keine doktrinären Marxisten waren, zum harten Marxismus-Leninismus. Und sie wurden politisch militant.
Dies wurde auch von Hannah Arendt hervorgehoben, die folgendes schrieb:
„Die westeuropäische Intelligenz hatte angefangen, sich dem Typus des russischen Revolutionärs anzugleichen, der sich nicht mit einer Änderung der gesellschaftlichen und politischen Umstände begnügte, sondern der die radikale Zerstörung alles Bestehenden forderte.„
Und auch der Historiker Joachim Fest hat den revolutionären Kunstaktivismus nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland eindrücklich geschildert.
So wurde in den 20er Jahren in den Theatern die Themen Vatermord, Inzest und Verbrechen zelebriert. Es wurden Parolen wie zum Beispiel „Für den chaotischen Zustand unserer Städte“ oder „Für die Ehre der Mörder“ skandiert.
Solche Tendenzen gab es nicht nur in der Kunstszene in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern. Dazu gleich mehr…
Entwicklung der Avantgardebewegung zwischen 1900 und 1940
Aber bevor ich mich direkt den Künstlern der Avantgarde zuwende, möchte ich sehr rasch die Entwicklung der Avantgardebewegung zwischen 1900 und 1940 schildern:
Wenn man ein bestimmtes Datum für die Geburt der Kunstavantgarde angeben möchte, bietet sich das Jahr 1909 an, als Marinetti sein erstes Manifest des Futurismus veröffentlichte.
Die Ideologie des Kunstavantgardismus entwickelte sich danach ca. 15 Jahre lang, bis sie ihre definitive Form nach 1920 erreichte.
Zuerst agierten die Avantgardisten unter dem Banner des Futurismus, danach unter dem Banner des Dadaismus und zum Schluss bis ca. 1940 unter dem Banner des Surrealismus.
- Die Futuristen waren radikal antibürgerlich, antikulturell und profund nihilistisch und antidemokratisch.
- Die Dadaisten waren noch aggressiver antidemokratisch als die Futuristen.
Aber sie waren im Gegensatz zu ihnen bereits klar marxistisch-leninistisch orientiert. - Der Surrealismus war ebenfalls eine antirationale und antikulturelle Bewegung.
Er war jedoch hauptsächlich eine Kampfdoktrin.
Die meisten Surrealisten verstanden sich als Soldaten des Marxismus-Leninismus.
Die politischen Überzeugungen der Künstler der Avantgarde vor 1940
Schauen wir uns nun die politischen Überzeugungen und die Ziele einiger wichtiger Avantgardekünstler genauer an.
Tommaso Marinetti
Beginnen wir mit dem Gründer des „Futurismus“, dem italienischen Schriftsteller Tommaso Marinetti, den ich als den Vater der Avantgarde bezeichnen möchte.
Ich lese einige seiner Ansichten vor:
„Wir wollen alle Museen, Bibliotheken und Akademien zerstören. Wir besingen die Flut der Revolutionen in den modernen Hauptstädten.
Los! Entzündet das Feuer in den Regalen der Bibliotheken!
Ergreift die Spitzhacken, die Äxte und die Hämmer und reißt nieder,
reißt ohne Erbarmen die ehrwürdigen Städte nieder!“
Marinetti bezog sich hier nur auf die Kultur und die Zivilisation, er meinte aber natürlich die Gesellschaft insgesamt, die ebenfalls „niedergerissen“ werden sollte.
Auch die Sprache und das Denken wollte Marinetti zerstören:
„MAN MUSS DIE SYNTAX ZERSTÖREN.
Futuristische Dichter! Ich habe euch gelehrt, DIE INTELLIGENZ zu hassen.“
Der Kommunist Antonio Gramsci liebte den Faschisten Marinetti
Antonio Gramsci — obwohl Kommunist — war ein Bewunderer des Faschisten Marinetti und teilte viele seiner Ansichten. Er bekundete 1921 seine Begeisterung für die antikulturelle Zerstörungswut der Futuristen:
„Die Futuristen haben folgende Aufgabe im Rahmen der bürgerlichen Kultur erfüllt:
Sie haben zerstört, zerstört, zerstört, ohne sich darum zu kümmern, ob das durch ihre Tätigkeit Neugeschaffene insgesamt hochwertiger ist, als das zerstörte Werk.“
Aber noch interessanter ist es, dass Gramsci die futuristischen Faschisten anschließend eindeutig als Linke definierte:
„Die Futuristen haben eine entschieden revolutionäre, absolut marxistische Auffassung.
Die Futuristen sind Revolutionäre auf dem Gebiet der Kultur;
Auf diesem Gebiet wird die Arbeiterklasse wahrscheinlich lange Zeit nicht über das hinausgehen, was die Futuristen getan haben.“
Übrigens haben etliche Avantgardisten zwischen der extremen Linken und der extremen Rechten gependelt. So zum Beispiel der Architekt Le Corbusier.
Manche von ihnen waren sogar überzeugte Hitler-Anhänger, wie zum Beispiel die avantgardistische Schriftstellerin Gertrude Stein.
Aber die überragende Mehrzahl der Künstler der Avantgarde ist ab ca. 1916 wie gesagt vorrangig der marxistisch-leninistischen Fraktion zuzuordnen.
Weitere Aussagen der Avantgardekünstler
Ich werde jetzt Aussagen einiger Avantgardekünstler, die zwischen 1910 und 1940 wirkten, zitieren.
• Ich beginne mit Natalja Goncearova, Ivan und Michail Larionov und elf andere Maler. Sie schrieben folgendes:
„Die Zukunft gehört uns.
Wir werden alle die sich uns in den Weg stellen, zermalmen.
Wir sind gegen den Westen.“
Die Futuristen
• Weiter geht es mit den futuristischen Malern Ivan Puni und Ksenia Boguslavskaja.
Sie übernahmen vom Faschisten Marinetti die Idee der Zerstörung des Denkens.
Sie deklarierten:
„2 x 2 ist alles mögliche, nur nicht vier.“
Die Zerstörung der Sprache und der Logik, die sich paradigmatisch in der mathematischen Formel 2×2=4 ausdrückt, ist seitdem eine Konstante des radikal-linken „Denkens“.
Diese Zerstörung der Sprache und implizit der Kommunikation ist ein fundamentales Ziel der extremen Linken geblieben — siehe die WOKE-Bewegung unserer Tage.
Die Dadaisten
• Als nächsten zitiere ich den Mitbegründer der Dada-Bewegung, Tristan Tzara. Er erklärte Folgendes:
„Wir Dadaisten spucken auf die Menschheit.
Logik ist Komplikation. Logik ist immer falsch.
Wir brauchen definitiv unverständliche Werke.
Dada ist Vernichtung der Logik;
Dada ist Vernichtung des Gedächtnisses;
Dada ist Vernichtung der Zukunft.“
• Und die dadaistischen Schriftsteller Tristan Tzara, Richard Hülsenbeck und die bildenden Künstler Georg Grosz, Raoul Hausmann, Hans Arp planten bereits im Jahr 1919 etwas, was Adolf Hitler erst 1933 geschafft hat:
Die Abschaffung des demokratischen Rechtsstaates.
So schrieben sie folgende Sätze:
„Wir — der dadaistische Zentralrat der Weltrevolution — wir werden Weimar in die Luft sprengen.
Es wird niemand und nichts geschont werden.“
• Und der Fotograf und Professor am Bauhaus Moholy-Nagy, plus 22 ungarische Avantgardekünstler haben folgenden Aufruf verfasst:
„Proletarier!
Es lebe die Sowjetrepublik der Werktätigen!
Es lebe die Diktatur der revolutionären Künstler über die bürgerlichen Künste!“
• Und Raoul Hausmann schrieb Folgendes:
Ich verkünde die dadaistische Welt !
Der Club Dada ist eine internationale, antibourgeoise Bewegung, die gegen den „Intellektuellen“ kämpft.
Wir wollen keine Demokratie, wir wollen keine Liberalität.
Die Surreallisten
• Und das Oberhaupt der Surrealisten, André Breton schieb:
„Es muss alles getan werden, jedes Mittel muss eingesetzt werden,
um die Ideen von Familie, Vaterland und Religion zu ruinieren.
Der sexuelle Zynismus muß als eine Langstreckenwaffe eingesetzt werden, um den Zusammenhalt der Familien und Völker zu zerstören.“
Breton wusste, genauso wie viele seiner Avantgarde-Genossen und wie seine heutigen Woke-Nachfolger, dass die enthemmte Sexualität eine zersetzende Wirkung auf die Familie und die Religion hat.
• Weiter zitiere ich Wladimir Majakowski:
„Genossen! Spaltet überall die neue Kunst von der alten ab.
Bereitet in Europa durch neue Kunst die Revolution.
Verbindet euch mit euerem Hauptquartier in Moskau.
Es lebe die Kunst der proletarischen Revolution!“
• Und die französischen Schriftsteller Louis Aragon, Antonin Artaud, André Breton, Paul Eluard, Raymond Queneau und der Maler Max Ernst, und noch 20 andere weniger bekannte Surrealisten schrieben:
„Wir sind fest entschlossen, eine Revolution zu machen.
Wir haben das Wort Surrealismus mit dem Wort Revolution verklammert.
Der Surrealismus ist keine Form der Poesie.
Er ist ein Schrei des Geistes, der fest entschlossen ist, voller Besessenheit seine Fesseln zu sprengen notfalls mit richtigen Hammern!“
• Und Antonin Artaud, Erfinder des „Theaters der Grausamkeiten“ und Mitglied des „Büros für surrealistische Forschung“ schrieb:
„Der Surrealist hat den Geist verurteilt.
Er hat keine Gefühle, die Teil seiner selbst wären, er bekennt sich zu keinem Denken.
Im Namen seiner inneren Freiheit, spuckt er auf dich, Welt.“
Barbarisierung als Ziel und Massenmord-Phantasien der Avantgardekünstler
• Und der serbische avantgardistische Schriftsteller Ljubomir Micic schrieb:
„Hurraaaa Barbaren! Wir vom Balkan brüllen:
Antikultur! …
Antieuropa …
Frau Europa!
Wir spucken Ihnen in Ihr ungewaschenes Maul,
und wir spucken vor Ihre von Geschwüren und Syphilis zerfressenen Fußsohlen.
Wir werfen die Bomben unserer Geschichte in deinen entstellten europäischen Himmel.
Wir schießen mit den Kanonen unserer neuen Ideen auf die seidenumflorte Bourgeoisie.“
• Und der Maler René Magritte und andere 12 Surrealisten haben verkündet:
„Wir versichern erneut, dass die Befreiung des menschlichen Geistes nur auf dem Weg der proletarischen Weltrevolution erreicht werden kann.“
• Und wieder zitiere ich André Breton, der folgendes schrieb:
„Der Surrealismus erwartet immer noch nichts anderes als Gewalt.
Die einfachste surrealistische Handlung besteht darin,
mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen
und wahllos in die Menge zu schießen, so lange man kann.“
• Und der surrealistische Schriftsteller Louis Aragon schrieb diese Strophe:
„Erschießt die Polizisten!
Kameraden, Erschießt die Bullen!
Die blauen Augen der Revolution glänzen mit notwendiger Grausamkeit.“
Diese Aussagen Aragons und Bretons zeigen uns, dass die Lust zum Morden eines der Elemente der surrealistischen Gruppen-Denke war.
Aber Aragon schrieb auch diese schönen Verse über die GPU – dem Stalinistischen Geheimdienst der alle sowjetischen Konzentrations- und Vernichtungslager der UdSSR leitete und der der Vorläufer des KGBs war:
„Ich singe von der notwendigen GPU Frankreichs.
Ich fordere eine GPU, um das Ende einer Welt vorzubereiten.
Wir brauchen eine GPU.
Es lebe die GPU als wahres Bild materialistischer Größe.“
Aragons Verherrlichung der GPU ist entlarvend für die profund totalitäre Mentalität der avantgardistischen Surrealisten.
• Zum Schluss dieser Aufzählung zitiere ich noch eine gemeinsame Aussage der Schriftsteller Bataille, Breton, Éluard, der Fotografin Dora Maar, des Malers Ives Tanguy und noch ca. 40 anderer Surrealisten:
Die Etablierung einer Volksregierung erfordert EINE UNERBITTLICHE DIKTATUR DES BEWAFFNETEN VOLKES.
Es wird kein spontaner Aufstand sein, der die Macht erobern wird.
Was heute über die soziale Zukunft entscheidet, ist die Schaffung eines breiten Zusammenschlusses aller Kräfte,
die diszipliniert,
fanatisch,
fähig, eine unbarmherzige Autorität auszuüben werden, wenn der Tag dafür gekommen ist.
TOD ALLEN SKLAVEN DES KAPITALISMUS !
An dieser Stelle mache ich Schluss mit den Zitaten. Wenn ich aber wollte, könnte ich noch lange ähnlich grauenvolle Aussagen vorlesen!
Die neomarxistische Neoavantgarde nach dem Zweiten Weltkrieg
Bevor ich über den Fortgang der Avantgarde-Bewegung nach dem Zweiten Weltkrieg spreche, möchte ich noch folgendes sagen:
Obwohl manche dieser avantgardistischen Künstler der ersten Generation sehr berühmt wurden, hatte die Avantgardebewegung in ihrer Gesamtheit keinen politischen Erfolg:
Das politische Programm der Avantgarde konnte sich in den westlichen, demokratischen Ländern bis ca. 1950 nicht durchsetzen.
Aber nach dem zweiten Weltkrieg erfuhren die revolutionären Ideen der Avantgarde eine starke Wiederkehr. Es entstand das, was Peter Bürger in seinem Buch „Theorie der Avantgarde“ sehr treffend „Neoavantgarde“ nannte.
Dieser Begriff soll zeigen, dass sich die Programmatik und insbesondere die Strategie dieser zweiten avantgardistischen Welle, die nach 1950 in Erscheinung trat, von der Programmatik und Strategie der Avantgardebewegung um den Ersten Weltkrieg unterscheidet.
Denn die Doktrin des militärischen Staatsstreichs im Stile Lenins wurde nach 1950 allmählich durch Gramscis Strategie der schrittweisen Eroberung der Kulturinstitutionen ersetzt.
Und die damals neuen kulturmarxistischen Theorien der Frankfurter Schule, deren Hauptvertreter Herbert Marcuse und Theodor Adorno waren, wurden der ideologische Leitfaden der Neoavantgarde.
Für die Neo-Marxisten, deren Schlachtfeld hauptsächlich die Kultur war, wurde somit das Thema des Schicksals des sogenannten Proletariats zweitrangig.
Allerdings blieb dabei das fundamentale Ziel der Neoavantgarde — zu der auch der Komponist John Cage gehörte — genau dasselbe wie dasjenige der historischen Avantgarde: Nämlich die Zerstörung der westlichen demokratischen Welt.
Der Wille der Neoavantgardisten, den politischen Umsturz herbeizuführen, verblieb unvermindert, obwohl es bereits damals eine soziale Marktwirtschaft gab, die es prinzipiell allen Bevölkerungsschichten erlaubte, in Wohlstand zu leben.
Die staatlich geförderten Künstler der Neoavantgarde und ihre Doppelmoral
In dieser liberalen Gesellschaft war das Verhältnis der Künstler der Neoavantgarde zum Staat, in dem sie lebten, ein anderes, als dasjenige ihrer Vorgänger nach dem Ersten Weltkrieg.
Die Vorkriegs-Avantgardisten waren meistens finanziell auf sich gestellt oder von einzelnen Mäzenen abhängig. Sie bekamen in der Regel keine staatliche Förderung.
Dagegen waren die Künstler der Neoavantgarde nach 1950 sehr oft Nutzniesser des staatlichen „Systems“, dessen deklarierte Feinde sie waren und das sie von innen heraus bekämpften.
Deswegen kann man sagen, dass die Künstler der Neoavantgarde de facto eine staatlich geförderte hochsubversive Institution – eine fünfte Kolonne — bildeten.
Diese paradoxe Situation konnte auch deswegen eintreten, weil die liberale westliche Gesellschaft nach 1950 selbst gegenüber ihren radikalsten Feinden aus dem linken Spektrum sehr tolerant war.
Diese Feinde wurden immer ganz verständnisvoll behandelt, solange sie sich nicht als bombenwerfende Terroristen und Attentäter betätigten und solange der Konflikt „bloß“ eine Art „Ideenkonflikt“ blieb.
Diese falsch verstandene Toleranz führte dazu, dass eine ganze Abteilung sehr gut bezahlter neoavantgardistischer Professoren der Künste, die zusätzlich mit regelmäßigen, großzügig honorierten staatlichen Kunstaufträgen versorgt wurden, ihre Studenten in Kunstakademien oder Musikhochschulen ständig zur Bekämpfung des „Systems“ animierten.
Die zynische Ausnutzung dieser Situation zeugt klar von der Doppelmoral der staatlich begünstigten und gesponserten neo-avantgardistischen Revolutionäre – zu denen wie gesagt auch John Cage gehörte.
Cages paradoxe Unzufriedenheit und sein Verlangen nach Revolution
Cage war einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der wichtigste Künstler der Neoavantgarde nach 1945.
Obwohl er ab einem bestimmten Alter sehr erfolgreich war und in einer Welt lebte, in der er alles Notwendige besaß, um ein gutes Leben zu führen, war er mit dieser Welt paradoxerweise zutiefst unzufrieden.
Er wollte die liberale Gesellschaft samt ihrer Kultur zerstören und durch eine andere ersetzen. Er wollte die Revolution und schrieb unter anderem diesen Satz:
„Die Revolution bleibt unser eigentliches Anliegen.“
Cage wollte den Kommunismus MaoTse-tungs im Westen durchsetzen
Cage unterstrich, dass ihn „die Ideen von Mao Tse-Tungs immer mehr interessieren“ würden und dass er „ein methodisches Studium der Schriften Mao-Tse-tungs“ betreibt.
Er hat seine tiefe Bewunderung für die „Errungenschaften“ der gigantischen Maoistischen Repressions-Maschinerie oft ausgedrückt.
Und er war der Meinung, dass „das Maoistische Modell die Befreiung eines Viertels der Menschheit ermöglicht“ hätte. Er würde „ohne Zögern sagen, dass der Maoismus den besten Anlass zum Optimismus“ geben würde. Deswegen sollte man die Lehre Maos „mit der größten Aufmerksamkeit begrüßen“.
Für Cage war Mao ein Vorbild.
Dementsprechend war das gesellschaftliche Modell das er durchsetzen wollte, ein teilweise veränderter Maoistischer Kommunismus. Das chinesische System sollte seiner Meinung nach weltweit und flächendeckend einführt werden. Dies hat er einmal sogar in Versen formuliert:
„china war erst der beginn,
wenn sie mich fragen…“
Er wollte also das neben dem Stalinismus und dem Hitlerismus breitest angelegte kollektivistisch-totalitäre Experiment der gesamten Geschichte in den westlichen Ländern wiederholen!
Jetzt, wo ich einiges über Cage erzählt habe, wäre eigentlich der Zeitpunkt gekommen, an dem ich mit dem Thema Cage richtig loslegen müsste !
Aber dafür müsste ich meinen Vortrag um mindestens noch eine volle Stunde verlängern. Aber natürlich haben Sie die Möglichkeit, in meinem Buch „Linke Intellektuelle im Dienst des Totalitarismus“ noch sehr, sehr viele erstaunliche Dinge über John Cage zu erfahren.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.